LSD-Eltern und DSL-Jugend

staatsakt. 04/2014

- "Kannst Du Deinen Penis in den Mund nehmen?"
- "Hä? Nein. Wieso?"
- "Dann hast Du es aber schon mal versucht! Hö! Hö!"

Ich weiss nicht wie ich drauf komme, aber dieser pubertäre Spass aus meiner Jugend fiel mir gerade wieder ein.
Vermutlich ist das genau der Sense of Humor, den man als Jugendlicher heute im Netz in der Hip-Hop-Welt sucht und findet:
Gerade noch am Esstisch mit den Eltern die Ofen-frischen Bagel in den Avocado-Dip getunkt, und Limonade vom Bauernhof von Freunden der Familie in Brandenburg getrunken, da läuft im Jugendzimmer zum Nachtisch auch schon die geile Scheisse...

Beim "High-As-The-Sky"-Kulturlabel staatsakt finden selbstverständlich nur Musiker einen Platz, die von ihren Eltern zu ihrem Glück auch jenseits von Schule und Abendessen zu gewissen Leistungen gezwungen wurden und heute dafür mehr als dankbar sind (und die musikalische Vision ihrer Hippie-Eltern mit sehr viel Fleiß nachgegangen sind!)

Talentierte Menschen also, das schöne Wort "hochbegabt" kannte man damals noch nicht, denen man links und rechts was an die Mappe gehauen hätte, beim Streamen von Hip-Hop-Battles oder YouPorn-Filmchen über den Familienrooter.

Außerdem gab es immer zu Fleisch vom Dorfmetzger auf den Tisch:
Montags Bratwurst, Dienstags Frikadellen, Mittwochs Hühnchen, Donnerstag Schnitzel und Freitag Mutters berühmte Porreesuppe (mit Hackeinlage).
Gestärkt ging es dann im Wohnzimmer an den hauseigenen Flügel: Mozart, Chopin, Schubert, Debussy und wieder zurück. Etüde kommt eben nicht von Attitüde.

So freuen wir uns heute überordentlich, an der "Berlin Academy Of Eternal Parents Youth (kurz: BAOEPY)" den talentierten und formvollendeten Pianisten LAMBERT gefunden zu haben (ein fertiger Spieler, wie man heute im Fussballgeschäft zu sagen pflegt...)

Er passt wie gemalt in unser Anforderungsprofil.
Und er schreibt nicht nur überaus formvollendete Kompositionen:

Er formvollendet auch die anderer Künstler:

Nervös

Genau wie unser Haus- Und Hofschlagzeuger CHRIS IMLER, dessen Album "Nervös" morgen erscheint.
Chris Imler, selbst Student von Perkussion und Schlagwerk an der "Hogeschool voor de Kunsten" in Rotterdam hat auf diesem prächtigen Album die Struktur der Postpunk-Musik der späten 70er und frühen 80er Jahren auf Form und Funktion untersucht.

Mit Hilfe einer eigenen, in der Nullerjahren zusammen mit Patric Catani entwickelten "Composition-Driver-Software" hat er bekannte Postpunk-Patterns und Signature-Sounds von etwa Suicide, Pere Ubu, Der Plan oder den Flying Lizards am Computer analysiert, neu zusammengesetzt und am Schlagzeug mit Samplern in manuell veränderter Partitur LIVE neu eingespielt (und besungen). Das Ergebnis zeigt, wie nahe sich NEUE KLASSIK und POSTPUNK sind, wenn man sich erstmal die Zeit nimmt, die Musik zu Papier zu bringen.
Hören und sehen wir Chris Imler nun endlich in:

DARK SPOT OF JOY

Wie es nun klingt, wenn LAMBERT das Werk von CHRIS IMLER analysiert, hören sie abschließend im Klangbeispiel Nummer 4:

Und, ach so: Haben Sie beim Lesen auch nur einen Moment lang darüber nachgedacht, das es sich bei LAMBERT gar nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelt?
Ja, das der Penis-Witz vom Anfang nur auf eine falsche Fährte führen wollte..? Falscher Artikel und Präpositionen inklusive..?

Diebische Gender-Bender Grüße vom Label für Bier und Bewusstsein.

Eure:
Staatsakt.

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Die Schweiz

staatsakt. 03/2014

"Ich hasse die Schweiz"

„Ich hasse die Schweiz“, sagte sie an einem der ersten gemeinsamen Abende zu mir.
Dieser Satz hat mich damals stark beeindruckt. Was meinte sie nur damit?!
Warum hasste sie die Schweiz? Die Frage, ob sie schon mal dort gewesen sei, verneinte sie. Aber alles was sie in der Summe über die Schweiz wisse, widere sie an.
Einfach alles!

Von jenem Tag an begann ich mir täglich so meine Gedanken über die Schweiz zu machen. Ich aß Schweizer Bergkäse, trank Schweizer Wein, schluckte Schweizer LSD und freundete mich mit dem Schweizer Musiker Tobias Jundt und seinem Bruder Raphael an, um am Geist der Schweiz zu schnuppern.
So verschieden fand ich uns gar nicht. Da ich selbst auch wenig Handfestes gelernt hatte, und ich mich immer schon am stärksten von der dionysischen Seiten des Lebens angezogen fühlte, spielte die Finanzierung von Jux und Tollerei für mich auch nie eine tragende Rolle. Die Kohle für die Party meines Lebens war einfach immer irgendwie da gewesen.
Und ob sie nun aus dem Handwerk kam, oder der Schwerindustrie, aus cleveren Technologien, oder aus am deutschen Fiskus vorbei gemogelten Geldern, mit denen man aus dem Schweizer Bankenwesen heraus in der Welt heruminvestieren konnte:
Ich fand Geld schon immer auch unmoralisch.

Überhaupt: In der Gegend in der ich groß geworden bin, gibt es wohl kein einziges Gebäude, das nicht am Fiskus vorbeigebaut wurde.
„Rot denken, grün wählen, schwarz arbeiten!“ war ein beliebter T-Shirt-Spruch meiner BRD-Jugend. Und Großeltern wie Erdkunde-Lehrer konnten sich köstlich darüber amüsieren...

Dass die kleine Schweiz aktuell so xenophobe Tendenzen zeigt, die vermutlich jedes reiche, demokratische Land genauso zeigen würde, wenn man es ausschließlich an Volksentscheiden mit fragwürdiger Beteiligung ablesen würde, ist natürlich trotzdem mehr als bedenklich!

Enttäuscht von seinen Landsmännern und Weibern zog es mein Schweizer Freund und seinen Bruder neulich in die chinesische Stadt Shanghai (aktuell in den Charts auf Platz 21 der teuersten Städte der Welt).

Kannten sie doch sonst nur das Glöggli am Hals der Bergkuh, waren sie dort regelrecht überwältigt von einer ihnen bis dato völlig unbekannten Symbiose zwischen Mensch und Tier: In der großen Stadt führen die Männer kleine Äffchen spazieren.

Dass diese Stadtaffen aber nicht wie in einem Zoo von einem eingezäuntes Gehege geschützt werden, sondern sich täglich für ein Handgeld gemeinsam mit ihren Gebietern ungeschützt dem Spott verwöhnter Easy-Jet-Bubbies aussetzen müssen, zeigt wie fremd der Mensch sich in seinem eigenen Land fühlen kann.
Vom Tier ganz zu schweigen.

Tobias Jundt, von Beruf nun mal Musiker, schrieb folgerichtig eine befreiende Hymne für sich und seine Landsleute im Sinne von „Fly like an eagle“ oder „Über den Wolken“.
Natürlich auch für alle anderen Menschen, die noch mit dem Begriff der Freiheit in einer Wohngemeinschaft leben.

Die Geister die ich rief – Am Telefon

Im letzten Jahr lernte ich dann tatsächlich den großen Schweizer Künstler, Musiker und Unternehmer Dieter Meier kennen, der mindestens zwei Generationen allein durch seinen Ausspruch „OH YEAH!“ zum Begriff geworden ist.
Ironischer Weise lernte ich Meier über den Manager eines berühmten Berliner Komikers kennen. Meier war seiner Zeit auf der Suche nach einem Produzenten für sein erstes Solo-Album. Ich schlug den genialen Herrn Nackt vor, der für unser Label schon die beiden Hans Unstern Alben („Kratz Dich Raus“, „The Great Hans Unstern Swindle“) produziert hatte. Herr Nackt schlug als Co-Produzenten Ben Lauber (für den Schliff) und T.Raumschmiere (für die Electronic) vor und wir wurden uns schnell einig: So soll es sein!

Was meine Fragen zur Schweiz anging übergab mir Dieter eines Abends in einem seiner Lieblingsrestaurant einen großen braunen Din-A-4-Umschlag und gab mir folgendes mit auf den Weg: Alles was Du über uns Schweizer wissen musst, steht in diesem Couvert auf einen Brief geschrieben. Aber bedenke, mein lieber Freund: Öffnest Du den Brief ist Deine Reise hier zu Ende.
Ich nahm den Brief und deponierte ihn schließlich ungeöffnet in einem Schließfach meiner Familie in einer Raiffeisenbank in Westfalen.

Fast ein halbes Jahr lang hat die Produktion in den Berliner Chez Chérie Studios am Ende gedauert. Ein upgefuckter wie magischer Ort diese Chez Chérie-Studios:
DMD KIU LIDT wurde hier aufgenommen. Und KAPITULATION. Und nun endlich auch OUT OF CHAOS.

Im ersten, von Dieter Meier gedrehten Video zum kosmischen Chanson mit dem Titel LOVEBLIND, schwimmt Meier in hypnotischen Bildern gegen den Strom der Zeit.
A man in love is schließlich always a fool...

Beim nächsten Mal wollen wir uns dann mit dem Thema „Norwegen“ beschäftigen:

Eure:
Büroposophen aus dem Hause staatsakt.

staatsakt