Das Ende der Landlust oder wie die Kuh auf der Straße gemütlich einen fahren lässt

staatsakt. 03/2016

Im Jahre 2050 sollen nach aktuellen statistischen Hochrechnungen 70% der Menschheit in urbanen Räumen leben.
Es brennen uns bei dieser Prognose zwei Fragen unter den Nägeln:

Wer füttert dann die Kühe?
Und wer macht ihre Scheisse weg?!

Naja, die 30% die nicht in den Städten wohnen werden. Der erste Gedanke, klar.
Aber falsch gedacht: Die 30% Dorfbewohner werden schlicht weg zu alt oder schwach sein, um in die Städte zu flüchten. Kraftlos.
Also wird auch niemand mehr die Euter melken.

Einzige Chance: Die vollständige Hinwendung zum Hinduismus

Die Kuh wird also global heilig gesprochen und bewegt sich fortan frei durch Stadt, Land, Fluss und wird hier und da am Wegesrand von Hobbymelkern gemolken.

Was die Popmusik angeht ist die Aussicht auf eine Globalurbanbevölkerung sowieso nicht verkehrt.
Wenn bis 2050 der biedere Landei-Sound endlich aus den Radios verschwunden sein wird, verschwindet (oder ein Synonym für verschwinden) hoffentlich auch endlich der Jägerzaun-Geist in den Köpfen der Republik.
Wir meinen mit Landeisound selbstverständlich nicht den Hasch- oder Psilocybin- getränkten Psychedelic-Sound aus dem umgebauten Kotten in Westfalen oder MacPom, sondern den von der Industrie auf die Landbevölkerung zugeschnitten Schlagerrockquark mit gelegentlichem R&B-Chassis, der so dermaßen durchformatiert und durchquantisiert daherkommt, dass alle Säfte im Körper sofort aufhören zu fließen. Der einzige Ausweg aus der saftlosen Zone: SM-Sex.
(An dieser Stelle hört der aufmerksame Leser eine Peitsche knallen...)

Aber hier wird nicht nur gemeckert über das Landradio der Gegenwart und seine Folgen.
Nein, auch auch die Städte bieten allerhand Angriffsfläche.

Stichwort: Mieterhöhung.

Nicht nur die coolen Hänger, sondern auch die ambitionierten ArschgeigInnen zieht es schon etwas länger in die Städte.
Sie bringen Geld mit aus Vaters Firma, kaufen Wohnungen und Gewerberäume und rächen sich bei den coolen HängerInnen mit saftigen Mieterhöhungen dafür, dass sie während der Schulzeit nicht zu den wilden Partys eingeladen wurden, sondern immer nur im SV-Raum an der neusten Ausgabe der Schülerzeitung mitarbeiten durften.
Die gleichen ArschgeigInnen ohne Geld von Papas Firma findet man nicht selten in den politischen Volksparteien.
Zumindest in Deutschland.

In diesem Stadtbild der Gegenwart heldenhaft für uns unterwegs: Albrecht Schrader. Pianist. Liedermacher. Komödiant und ein überaus angenehmer Zeitgenosse. Er schreibt schon mal den ein oder anderen Hit für Fernsehpfeifen, aber eben auch für sein eigenes Publikum:
"Leben in der Großstadt, findet in Büros statt, oder in der Straßenbahn..."
heisst es etwa im Titelsong zur EP "Leben in der Großstadt".
Das Video dazu wollen wir uns hier einmal gemeinsam anschauen:

Die gleichnamige EP, also "Leben in der Großstadt" erscheint heute in streng limitierter Vinyl-Ausgabe.
Man suche zum Kauf den Plattenladen des Vertrauens auf. Oder bestelle bei der Hanseplatte, wo es im Rahmen der Fastenzeit gerade viele Staatsakt-Platten rabattiert sind.
Wer kann es seinen Mitmenschen schon vergönnen, zur Kompensation von Verzicht ein paar heiße Scheiben zum Schnäppchenkurs zu erwerben?!

Eben.

Hier gehts zum Tresen, Leute:

Wir sehen uns in der Straßenbahn!

Euer:
Staatsakt.

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1993

staatsakt. 02/2016

Rock gegen Rechts. Gib Nazis keine Chance! Rostock-Lichtenhagen sitzt noch gehörig im Specknacken der Nation.

Im Musikfernsehen laufen Guns & Roses mit ihrer grauenhaften Version von "Knocking on heavens door".
Die Red Hot Chili Peppers sind dank ihres 91er Albums "Blood Super Sex Magik" und der Rock-Ballade "Under The Bridge" endgültig im Mainstream angekommen. Laufen also bei MTV rauf und runter.
Überhaupt erstaunlich wie lange sich Musikvideos in der Playlist des einen Musikfernsehens halten.
Wir hatten ja nichts.

Nach amerikanischen Vorbild gründen sich auch in Deutschland erste Slacker-Bands mit Leistungsverweigerungpotenzial. Allen voran: Tocotronic. (Nur echt mit Humana-Polaroids auf den Covern!)
Aus dem Trümmern der Garagenpopband LOLITAS gründen sich in Berlin parallel dazu STEREO TOTAL.
Anfangs noch als 4-köpfige Band unterwegs schrumpft die Marke schnell zum Duo und wirbt eingängig für Bubblegum, Beat, Chanson, Polyamorie, Incredibly Strange Music und Easy Listening. Von den USA bis nach Japan wird diese Band zur gefeierten Sensation.

Nur in Deutschland traut man Stereo Total bis heute nicht so recht über den Weg.

Ein paar Erklärungsversuche:

• Deutschland ist und bleibt das Land der Dichter und Denker. Und eben nicht das Land der Dichterinnen und Denkerinnen
• Françoise Cactus singt mit einem fiesen französischen Akzent
• Stereo Total können einfach keinen richtigen deutschen Schlager schreiben. Man hört immer etwas Falsches heraus!
• Brezel Göring könnte wahlweise Farin Urlaub oder Bela B. sein, aber beide Rollen sind leider bis auf Weiters vergeben
• Die Leichtigkeit mit der Stereo Total der Welt begegnen erscheint dem Deutschen Bierbauch suspekt: Sind da etwa illegale Drogen im Spiel?!
• Stereo Total lassen sich keinem Genre fest zuordnen. Auch wenn „Genre" ein französisches Wort sein mag, eine gewissen Grund-Ordnung hält immer noch der Deutsche für sich gepachtet
• Internationale Stars kommen im Pop nicht aus Deutschland. Schon gar keine dahergelaufenen Französinnen
• Der Deutsche will nach Feierabend seine wohlverdiente Ruhe. Stereo Total sind einfach nur nervig!
• Musik UND Humor schmeckt doch wie Currywurst mit Nutella
• Der Deutsche möchte auch in puncto Musikgeschmack nicht von der Missionarsstellung abweichen
• Weil "Atemlos“ nicht von Stereo Total ist
• "An Tagen wie diesen“ auch nicht
• „Still" von Jupiter Jones ist

Wie dem auch sei! Heute erscheint mit „Les Hormones“ das 120. Studioalbum von Francois Cactus und Brezel Göring.
Und wieder einmal ist es so frisch und energiegeladen, so voller Hits und Bytes, dass es eine echte Wonne ist!
Und blickt man gerade um sich im Rest dieser fahlen Bockwurstnation, wird man das Gefühl nicht mehr los, dass wir längst wieder im Jahr 1993 angelangt sind.
Noch vorgestern in eine Pizzeria im Prenzlauer Berg gesessen.
Was lief dort rauf und runter?
Die Red Hot Chili Peppers.
Blood Super Sex Magic.

Kann da bitte endlich mal jemand den Repeat-Modus ausstellen?!
So gesamtgesellschaftlich gesehen?!
STEREO TOTAL helfen uns hier im Büro dabei den Glauben nicht zu verlieren. Den Glauben, dass man tatsächlich durch diese dick-schädelige Wand hindurchbrechen kann.

Eines Tages.
Wenn die da oben betrunken schlafen und wir da unten unbemerkt hindurchschlüpfen...

Bis dahin heisst es weiter munter und trotzig in ewiger Jugend und Glückseligkeit:

"Ist mir doch egal!"

Eure:
Schlüpper vom Staatsakt.

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Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

staatsakt. 02/2016


"Ich hatte das alles schon an der Schwelle des Mannesalters mit meinem Verstand begriffen. Aber erst musste eine große Lebenskomödie durchstanden werden, bevor diese Vision der Wirklichkeit die bewegende Kraft werden konnte. Der ungeheure Lebenshunger, den andere in mir fühlten, wirkte wie ein Magnet. Er zog diejenigen an, die meine besonders Art von Hunger nötig hatten. Der Hunger wurde tausendfach vergrößert. Es war als ob diejenigen, die an mir (wie Eisenspäne) hingen, aufgeladen würden und ihrerseits andere anzogen…"

So schrieb es Henry Miller in seinem 1948 veröffentlichtem Werk "Sexus", und wenn man sich gerade den unglaublichen Hype um die tolle Band ISOLATION BERLIN anschaut, bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen auch noch in zehn Jahren an ihnen kleben mögen. So rein finanziell gesehen allein. Es ist ja heute nicht mehr selbstverständlich, dass so ein Fantum ein Album überdauert.

Schaut man dagegen in das fleißige Bowie-Special in der aktuellen Musikexspex muss man schon darüber schmunzeln, wie dort teilweise ganze Dekaden analysiert werden, nur um posthum nochmal festzustellen, dass Bowies Platten in Phase X oder Y vollkommen wumpe waren. Und das nicht nur was den Zeitgeist und das Erfassen seiner Strömungen angeht.
Naja, böse Zungen sagen Bowie ja eh gerne nach, dass er nie wirklich Avantgarde sondern immer nur ein cleverer Verpackungsschwindler bereits am Kunstkiosk durchgereichter, avantgardistischer Ideen war… Whatever!

Der Dom bleibt in Köln.

Und Bowie-Fan bleibt Bowie-Fan.

"So ist das nunmal."
Andreas Bowie

Was im Zusammenhang von Bowies Tod und seiner Aufarbeitung aber wirklich interessant ist:
Warum schreibt eigentlich niemand, dass er gar nicht tot sondern unsterblich ist?!

Ein kleines Gedankenspiel: Niemand wüsste gerade von David Bowies Tod! Ja, nichts würde sich für uns Fans und unserer Beziehung zu ihm und seinem Werk ändern! Warum auch?! Man würde weiter brav seine Songs hören und vielleicht ab und an den Wunsch verspüren ihn mal wieder "live" zu sehen. Dann liest man in der Zeitung, dass er in New York mal wieder eine in 4 Minuten ausverkaufte Show gab, die ganz toll gewesen sein soll und so fort...

Unsere ganze Kultur wird schließlich von den Geistern wurmzerfressener Ex-Körper durchflutet. Und nachweislich gibt es nicht nur life after death - sondern wie wir seit ein paar Tagen sicher wissen -: Auch das Nichts schwingt fleißig mit!
Stichwort: Gravitationswellen.

(((((   )))))

Die Transformation vom Pop- zum Blackstar ist also längst nicht mehr nur metaphysischer Schmelzkäse sondern seit neustem handfeste, nachweisbare Physik.
Hier ist David Bowie zum Ende seines körperlichen Daseins doch tatsächlich nochmal eine echte Punktlandung gelungen.

Nun, auch ISOLATION BERLIN verstehen etwas von schwarzen Löchern.

Erst heute erscheint "Und aus den Wolken tropft die Zeit".
Das Debütalbum. Eine formidable Visitenkarte für den Rock & Pop-Markt 2016.
Eine kleine astronomische Karte, die man gleich mit der nächst größeren Karte aus dem Klugscheißer-Regal vergleicht. Schablonendenken.
Ja, erstmal die alten Schreibtischschubladen durchwühlen.
Da war doch was... Ein wildes, romantisches Leben!

Im ersten Videoclip zur Single "Fahr Weg!" vom Bandvisualisten Yannick Riemer sehen wir einen modernen Fuckbody als Projektionsfläche:
Auf ihm klebt der Dreck der Stadt, es tobt das Sehnsuchtsgeflecht Meer und taumeln lauter Idioten.
Zwischendrin immer wieder: Hoch die Tassen! Sich in Selfie-Manier selbst zuprosten. Ein halber Liter Trost vom Kiosk um die Ecke (Hallo Gleim Shop!)

Wir erinnern uns: Schon Richard Berry wollte im Rock&Roll-Urtrip "Louie Louie" einfach nur noch weg: "..me gotta go now!".
Im Hinblick auf die Flüchtlingsströme nach Mitteleuropa natürlich gerade ein recht snobistischer Gedanke, sich träge vom Wohlstand aus der Comfort-Zone-Deutschland vom Fleck weg zu wünschen: Aber wer hat nicht schon immer gewusst, dass Deutschland ein kraftraubender Seelenräuber ist?
Ja, wer hat noch immer nicht begriffen, dass der deutsche Geist für gewöhnlich ein humorloser Spießer ist?

Ein Entsafter.
Ein Zerhacker.
Ein Stempelkartenhalter.

Ein gelber Sack.

Aber Hey!
Beruhigen wir uns.
Immerhin haben wir von Haus aus eine ganz respektable Grammatik-App.
Die Säfte werden schon wieder fließen.

Produzieren und konsumieren wir also weiter wie gehabt.

Ja, kaufen sie ruhig "Und aus den Wolken tropft die Zeit" http://staatsakt.hanseplatte.com/detail/isolation-berlin--und-aus-den-wolken-tropft-die-zeit von dieser fantastischen Band.
Und kaufen sie sich ein Ticket für ihre Liveshows.
Mindestens heute ist diese Band ist ein echtes Publikums-Magnet. Ihre dunklen Gravitationswellen sind sehr stark.
In manchen Nächten werden die Menschen wie Sägespäne an ihnen kleben!

Und am Ende werden sie sich fragen ob sie tatsächlich hier begraben sein wollen...

Der Titel dieses Newsletters stammt übrigens von Paul Celan.
Klar, hätten sie das auch selber googlen können! Das wissen wir doch.

Für das was am letzten Wochenende in Hamburg mit dem Golden Pudel Club http://www.pudel.com/ geschah fehlt uns leider immer noch das Fassungsvermögen. Man möchte ja laut bellen, aber kann nur jämmerlich jaulen...

So oder so: Wir melden uns schon nächste Woche wieder zurück auf diesem Kanal.
Mit "Les Hormones", dem neuen formidablen Album von Stereo Total http://stereototal.de/ , den David Bowies des Trashpops...

Gibt Pfötchen!

Euer Staatsakt.

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