Angst Angst Overkill

staatsakt. 05/2016


Herr Staatsakt, Sie machen in letzter Zeit oft einen niedergeschlagen Eindruck. Woran liegt’s?!

Nun, ich kann nicht leugnen, immer wieder gewisse Motivationsprobleme in meinem Innersten zu fühlen. Oder anders: Da wo früher immer ein zuverlässiges Feuer brannte ist heute oft nur noch ein verplombter Gashahn vorzufinden.


Sie waren doch vor allem immer ein Motivationskünstler. Nicht nur für sich sondern auch für alle Menschen um sie herum: Vertriebspartner, Künstler, Medien. Der alte Schwung ist dahin?!

So weit würde ich nicht gehen. Allerdings muss ich gestehen, dass mir dieses Indiepop-Geschäft heute oft gehörig gegen den Strich geht. Dort wo einst mal Haltung war, ist nur noch Buchhaltung.


Der Volksmund sagt: Ein Unternehmer der nicht jammert, dem geht es schlecht.

Ja, das scheint tatsächlich der Lauf der Dinge zu sein: Erst vom Enthusiasmus getrieben eine Unternehmung starten und dann eiert man jammernd an den Rändern seiner eigenen Galaxie herum und sehnt sich längst nach einem neuen Urknall.


Im Kapitalismus macht man neue Felder fruchtbar, kauft den Hof des Nachbarn oder vermählt seine Kinder miteinander. Wachstum, Herr Staatsakt. In Gottes Namen!

Klar: Die heilige Dreifaltigkeit im Kapitalismus: Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum. In der Maklerbranche lautet das Credo dann „Lage, Lage, Lage". In unserem Geschäftsbereich sind wohl Hits, Hits und Hits damit gemeint.


Aber da sind doch immer wieder Hits in ihrem Repertoire! Denken Sie zuletzt an die wunderbaren Isolation Berlin. Oder das sensationelle Comeback von Stereo Total. Da blickt doch jedes andere Indienlabel mit Neid ins Berliner Gleimviertel hinein.

Wissen Sie, Konkurrenz war nie mein Antrieb. So wie andere Labels, da oben im hohen Norden, die Wutausbrüche bekommen, weil sich ein Künstler mal gegen sie und für einen anderen Laden entscheidet, oder sie sich vor Freude in die Hose machen, weil sie einem anderen Label eine Künstlerin abwerben.
Meine Motivation war immer die Liebe zur Musik, Und damit verbunden: Das Schaffen sozialer Räume. Also mit Musik Räume zu bespielen. Und dort Begegnungen mit tollen Peoples möglich zu machen. Und wahlweise miteinander zu tanzen, zu knutschen oder bis in die Morgenstunden zu trinken und zu plaudern: Träume, Ängste, Pop, Politics.
Das gemeinschaftliche Gefühl zu verstärken, das ein anderes Leben eben doch möglich ist.


Ein anderes Leben?! Aber sie profitieren mit ihrem Label doch genau von dieser einen Welt.
Sie leben schließlich von den Sehnsüchten der Menschen da draußen.

Klar, manch einer sehnt sich nach einem gemütlichen Sofa, der andere nach aufregender Musik.
Aber ich zähle nicht zu den Menschen, die unter der Devise „Wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat“ grinsend im Weinladen steht und nach dem richtigen Essensbegleiter für den Abend sucht. Das heisst jetzt nicht, dass ich was gegen gutes Essen oder guten Wein einzuwenden hätte.


Verstehe ich jetzt nicht.

Nun, ich habe noch heute mit dem von mir überaus geschätzten Künstler Carsten Meyer gesprochen. Wir sprachen über die kursierende Lieblosigkeit den Dingen gegenüber. Und über den Hass. Also nicht den immer größer werdenden Hass am rechten Rand, sondern Hass den tollen Sachen gegenüber. Den schönen Künsten. In unseren Kreisen. Wie sich Menschen darüber profilieren, die Kunst der Anderen zu hassen, bloß zu stellen usw. Wirklich schlimm.
Klar, so ein Popsong ist im Zweifel ja immer eine recht simple Angelegenheit, aber genau das ist ja das Tolle an einem Popsong. Wie eine kleine Postkarte, kann sie die ganz großen Emotionen transportieren. Wenn sie denn nur mit Herz ausgewählt und geschrieben ist.
Aber ich wollte ja auf den Verrat der Ideale raus: Überall verkommt die Haltung zur Pose. Und Menschen, die früher zusammen am Tresen hingen und gemeinsame davon träumten die Welt zu verändern, lassen heute Managements oder Anwälte für sich reden. Klar, in diesem Spiel möchten heute viele lieber Anwalt als Künstler sein.
Eben den Riesling aus den hohen Lagen. Nicht den freundlichen Liter aus dem Stahlfass. Wobei im Zweifel die Stimmung an den Tischen der einfachen Trinker ja immer viel herzlicher ist. Einfach weniger ausgestellt distinguiert.
Damit automatisch weniger hüftsteif, wie mir scheint. Ich will hier jetzt aber auch keinen Hass gegenüber den Leuten schüren, die einfach mehr Geld in ihrem Beruf verdienen als ich.


Augen auf bei der Berufswahl.

Eben. Und wissen sie was?! Jetzt wo ich mir den Frust erstmal von der Seele geschrieben habe, ist ja auch erstmal alles wieder gut. Da brennt schon noch was da unten in meinem Bauch. Also schon noch Bock! Wenn es denn beherzt zur Sache geht...


Das lesen wir gerne. Außer die Konkurrenz natürlich, die sich schon lange auf Ihren finalen Dolchstoß freut. Mögen Sie denn am Ende dem aufmerksamen Leser noch mitteilen, auf was für neue Produktionen aus dem Hause Staatsakt er/sie sich freuen darf in nächster Zeit?!

Sehr gerne. Ich kopiere einfach mal ein paar Links hier in den Text hinein, wenn das o.k. für Sie ist.


Sicher, nur zu. So viel Medienkompetenz kann man heute von seinen Lesern im Netz schon erwarten.

Der Spielmacher - Das Fusscial - Aufführung im HAU und Tonträger (24.06.2016)

Der Spielmacher




St.Michael Front - In The Wake Of A New Dream - EP-Vinyl (27.05.2016)

Nicolas Sturm - Angst Angst Overkill - Digitale Single (VÖ: HEUTE!)

Es gibt auch noch ein paar sehr schöne andere Veröffentlichungen in Bälde,
aber über die darf ich hier leider noch nicht schreiben.


Das macht doch nichts. Wir lesen ja bald hoffentlich wieder voneinander.
Bestimmt.
Frohe Pfingsten!

Ihr:
Staatsakt.

© Copyright 2006 - 2016 staatsakt.

Das Ende der Landlust oder wie die Kuh auf der Straße gemütlich einen fahren lässt

staatsakt. 03/2016

Im Jahre 2050 sollen nach aktuellen statistischen Hochrechnungen 70% der Menschheit in urbanen Räumen leben.
Es brennen uns bei dieser Prognose zwei Fragen unter den Nägeln:

Wer füttert dann die Kühe?
Und wer macht ihre Scheisse weg?!

Naja, die 30% die nicht in den Städten wohnen werden. Der erste Gedanke, klar.
Aber falsch gedacht: Die 30% Dorfbewohner werden schlicht weg zu alt oder schwach sein, um in die Städte zu flüchten. Kraftlos.
Also wird auch niemand mehr die Euter melken.

Einzige Chance: Die vollständige Hinwendung zum Hinduismus

Die Kuh wird also global heilig gesprochen und bewegt sich fortan frei durch Stadt, Land, Fluss und wird hier und da am Wegesrand von Hobbymelkern gemolken.

Was die Popmusik angeht ist die Aussicht auf eine Globalurbanbevölkerung sowieso nicht verkehrt.
Wenn bis 2050 der biedere Landei-Sound endlich aus den Radios verschwunden sein wird, verschwindet (oder ein Synonym für verschwinden) hoffentlich auch endlich der Jägerzaun-Geist in den Köpfen der Republik.
Wir meinen mit Landeisound selbstverständlich nicht den Hasch- oder Psilocybin- getränkten Psychedelic-Sound aus dem umgebauten Kotten in Westfalen oder MacPom, sondern den von der Industrie auf die Landbevölkerung zugeschnitten Schlagerrockquark mit gelegentlichem R&B-Chassis, der so dermaßen durchformatiert und durchquantisiert daherkommt, dass alle Säfte im Körper sofort aufhören zu fließen. Der einzige Ausweg aus der saftlosen Zone: SM-Sex.
(An dieser Stelle hört der aufmerksame Leser eine Peitsche knallen...)

Aber hier wird nicht nur gemeckert über das Landradio der Gegenwart und seine Folgen.
Nein, auch auch die Städte bieten allerhand Angriffsfläche.

Stichwort: Mieterhöhung.

Nicht nur die coolen Hänger, sondern auch die ambitionierten ArschgeigInnen zieht es schon etwas länger in die Städte.
Sie bringen Geld mit aus Vaters Firma, kaufen Wohnungen und Gewerberäume und rächen sich bei den coolen HängerInnen mit saftigen Mieterhöhungen dafür, dass sie während der Schulzeit nicht zu den wilden Partys eingeladen wurden, sondern immer nur im SV-Raum an der neusten Ausgabe der Schülerzeitung mitarbeiten durften.
Die gleichen ArschgeigInnen ohne Geld von Papas Firma findet man nicht selten in den politischen Volksparteien.
Zumindest in Deutschland.

In diesem Stadtbild der Gegenwart heldenhaft für uns unterwegs: Albrecht Schrader. Pianist. Liedermacher. Komödiant und ein überaus angenehmer Zeitgenosse. Er schreibt schon mal den ein oder anderen Hit für Fernsehpfeifen, aber eben auch für sein eigenes Publikum:
"Leben in der Großstadt, findet in Büros statt, oder in der Straßenbahn..."
heisst es etwa im Titelsong zur EP "Leben in der Großstadt".
Das Video dazu wollen wir uns hier einmal gemeinsam anschauen:

Die gleichnamige EP, also "Leben in der Großstadt" erscheint heute in streng limitierter Vinyl-Ausgabe.
Man suche zum Kauf den Plattenladen des Vertrauens auf. Oder bestelle bei der Hanseplatte, wo es im Rahmen der Fastenzeit gerade viele Staatsakt-Platten rabattiert sind.
Wer kann es seinen Mitmenschen schon vergönnen, zur Kompensation von Verzicht ein paar heiße Scheiben zum Schnäppchenkurs zu erwerben?!

Eben.

Hier gehts zum Tresen, Leute:

Wir sehen uns in der Straßenbahn!

Euer:
Staatsakt.

© Copyright 2006 - 2016 staatsakt.

1993

staatsakt. 02/2016

Rock gegen Rechts. Gib Nazis keine Chance! Rostock-Lichtenhagen sitzt noch gehörig im Specknacken der Nation.

Im Musikfernsehen laufen Guns & Roses mit ihrer grauenhaften Version von "Knocking on heavens door".
Die Red Hot Chili Peppers sind dank ihres 91er Albums "Blood Super Sex Magik" und der Rock-Ballade "Under The Bridge" endgültig im Mainstream angekommen. Laufen also bei MTV rauf und runter.
Überhaupt erstaunlich wie lange sich Musikvideos in der Playlist des einen Musikfernsehens halten.
Wir hatten ja nichts.

Nach amerikanischen Vorbild gründen sich auch in Deutschland erste Slacker-Bands mit Leistungsverweigerungpotenzial. Allen voran: Tocotronic. (Nur echt mit Humana-Polaroids auf den Covern!)
Aus dem Trümmern der Garagenpopband LOLITAS gründen sich in Berlin parallel dazu STEREO TOTAL.
Anfangs noch als 4-köpfige Band unterwegs schrumpft die Marke schnell zum Duo und wirbt eingängig für Bubblegum, Beat, Chanson, Polyamorie, Incredibly Strange Music und Easy Listening. Von den USA bis nach Japan wird diese Band zur gefeierten Sensation.

Nur in Deutschland traut man Stereo Total bis heute nicht so recht über den Weg.

Ein paar Erklärungsversuche:

• Deutschland ist und bleibt das Land der Dichter und Denker. Und eben nicht das Land der Dichterinnen und Denkerinnen
• Françoise Cactus singt mit einem fiesen französischen Akzent
• Stereo Total können einfach keinen richtigen deutschen Schlager schreiben. Man hört immer etwas Falsches heraus!
• Brezel Göring könnte wahlweise Farin Urlaub oder Bela B. sein, aber beide Rollen sind leider bis auf Weiters vergeben
• Die Leichtigkeit mit der Stereo Total der Welt begegnen erscheint dem Deutschen Bierbauch suspekt: Sind da etwa illegale Drogen im Spiel?!
• Stereo Total lassen sich keinem Genre fest zuordnen. Auch wenn „Genre" ein französisches Wort sein mag, eine gewissen Grund-Ordnung hält immer noch der Deutsche für sich gepachtet
• Internationale Stars kommen im Pop nicht aus Deutschland. Schon gar keine dahergelaufenen Französinnen
• Der Deutsche will nach Feierabend seine wohlverdiente Ruhe. Stereo Total sind einfach nur nervig!
• Musik UND Humor schmeckt doch wie Currywurst mit Nutella
• Der Deutsche möchte auch in puncto Musikgeschmack nicht von der Missionarsstellung abweichen
• Weil "Atemlos“ nicht von Stereo Total ist
• "An Tagen wie diesen“ auch nicht
• „Still" von Jupiter Jones ist

Wie dem auch sei! Heute erscheint mit „Les Hormones“ das 120. Studioalbum von Francois Cactus und Brezel Göring.
Und wieder einmal ist es so frisch und energiegeladen, so voller Hits und Bytes, dass es eine echte Wonne ist!
Und blickt man gerade um sich im Rest dieser fahlen Bockwurstnation, wird man das Gefühl nicht mehr los, dass wir längst wieder im Jahr 1993 angelangt sind.
Noch vorgestern in eine Pizzeria im Prenzlauer Berg gesessen.
Was lief dort rauf und runter?
Die Red Hot Chili Peppers.
Blood Super Sex Magic.

Kann da bitte endlich mal jemand den Repeat-Modus ausstellen?!
So gesamtgesellschaftlich gesehen?!
STEREO TOTAL helfen uns hier im Büro dabei den Glauben nicht zu verlieren. Den Glauben, dass man tatsächlich durch diese dick-schädelige Wand hindurchbrechen kann.

Eines Tages.
Wenn die da oben betrunken schlafen und wir da unten unbemerkt hindurchschlüpfen...

Bis dahin heisst es weiter munter und trotzig in ewiger Jugend und Glückseligkeit:

"Ist mir doch egal!"

Eure:
Schlüpper vom Staatsakt.

staatsakt

Staatstwitter


Staatsify

Neue Veröffentlichungen

    Newsletter

    Künstler